Dienstag, 21. Oktober 2014

Heimat

Versuch einer Annäherung.

„Weltkunde ist immer nur Heimatkunde.“
Siegfried Lenz – Heimatmuseum.

Für mich war Heimat immer der Ort wo ich geboren wurde, wo ich aufwuchs, wo ich denn Geschichten der Alten lauschte.
In einem kleinen Waldort im Pfälzerwald verbrachte ich meine Kindheit. Früh übte ich mich darinnen der Stimme der Landschaft zu lauschen, bemerkte alsbald dass es auch eine „Landschaft der Verkörperungen“ gibt. Ich meine damit eine Landschaft in der der Geist unserer Ahnen weiterlebt uns etwas hinterlässt. Eine „Lichtung“
Während meiner Grundschulzeit gab es noch das Fach Heimatkunde. Die Stunden in denen ich in der Schulbank oder auf Exkursionen das wichtigste über meine Heimat erfuhr zählen zu den schönsten meiner Schulzeit.
Letztendlich ist Heimatkunde viel mehr als nur die „Kunde von der Heimat“. Sie ist eine Gesamtwissenschaft.
Schließlich berührt die Heimatkunde durch die Erfassung des Menschen zu seiner Mitwelt, seinem Lebensraum eine große Anzahl von Einzelwissenschaften:
Geschichte, Volkskunde, Biologie, Geologie, Geografie, Botanik, Zoologie u.v.m.
Denn das was wir Heimatkunde nennen ist schließlich ein unteilbares Ganzes.
Schon sehr früh spürte ich dieses „große Ganze“. Eine innere Verbundenheit mit der Tier- und Pflanzenwelt, mit der Heimatgeschichte, mit alten Gebäuden und noch älteren Grenzsteinen und Ruinen die einsam in den Wäldern darauf warten das jemand ihre Geschichte erforscht und sie weitergibt.
Die alten Dinge haben ihre eigene Geschichte, wenn nicht sogar ihr eigenes Sein. Durch Entfremdung von der Heimat kann es schnell passieren das der Mensch in einer „Seinsverlorenheit“ landet. Ohne Heimatgefühl müsste ich den Weg der Selbstentfremdung gehen und davor ist mir Angst.
Dieses Gefühl hat sehr viel mit der „Muttersprache“ zu tun, bei mir eben mit dem „Pfälzischen“. Denn Heimat ist natürlich auch immer sehr subjektiv. So schrieb Carl Zuckmayer zu recht über die Pfalz...“Das Land am Rhein war schon immer eine große Völkermühle, die Kelter Europas“.
Und Heinrich von Riehl einer der ersten pfälzischen Volkskundler machte die Pfalz international:
„...ziehen wir die Summe unserer pfälzischen Völkertafel, so ist der erste Eindruck ein verwirrendes Gemisch: Kelten, Vangionen, Nemeter, Burgunder, Römer, Juden – der verwüstend durchstreifenden Alanen, Hunnen u.s.w. Gar nicht zu gedenken -, Alemanen, zweierlei Franken, Slawen, Friesen, Franzosen, Holländer, Zigeuner und so fort“.
All diese Völker die hier durchzogen hinterließen etwas dass in unsere Muttersprache einfloss.
Und dieser Durchzug der Völker ist ja lang noch nicht beendet.
„Im Jahr 2013 wurde für mehr als eine Million Zuwanderer Deutschland zur neuen Heimat. Inzwischen hat ein Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Zugezogenen arbeiten in Deutschland, gründen Familien. Viele wurden hier schon geboren. Deutschland ist ihre Heimat. Doch noch immer werden sie von der deutschen Mehrheitsbevölkerung nicht als gleichberechtigt akzeptiert...“ (Deutschlandfunk – Sendung – über die Schwierigkeiten ein Deutscher zu sein, 4.10. 2014)





Gewiss ist der Heimatbegriff eines Menschen der in der Großstadt lebt etwas anders als der des Menschen der in der kleinen Dorfgemeinschaft lebt - Heimat aber kennen beide.
Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau der fast nie seine engere Heimat um das Städtchen Conncord verließ und der sich mit der Landschaft in der er lebte ganz identifizierte behauptete er betreibe nicht Heimatkunde sondern Kosmologie. Für ihn waren einfach die unermesslichen Wunder des gesamten Kosmos in der kleinsten Naturerscheinung präsent.
Heimatgefühl sollte nicht in Romantik enden – Heimat verpflichtet auch!
Nämlich jenen die ankommen, die aus ihrem eigenen Land vertrieben und verjagt wurden, eine Tür zu öffnen und ihnen dabei zu helfen eine neue Heimat, wenn vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit zu finden. Vor allem wir Deutsche mit unseren blutigen, braunen Flecken in Geschichte und Heimatgeschichte stehen hier in besonderer Verantwortung.
Heimatgefühl darf also keine Türen verschließen sondern muss sie öffnen.
Heute erklären wir den Begriff Heimat gerne mit „regionaler Identität“ oder „Bioregionalismus“. Ich selbst finde an dem Wort Heimat nichts altmodisches oder „hanebüchenes“.
Der Historiker Wilhelm Jannsen sagte einmal: „Heimat definiert sich zu einem guten Teil über ihre Geschichte“. Und Enzo Bunz schrieb: „Heimatgeschichte ist nicht nur die Geschichte derer die anscheinend schon immer da waren, sondern auch jener die neu hinzukommen“.
Heimat das ist immer ein Doppelbild des Gestern und Heute, ein Dokument aus Gegenwart und Vergangenheit.
Als Menschen können wir die Gegenwart, die Realität in der wir leben und den oft dunklen Weg in die Zukunft denn wir gehen müssen nur durch ein kritisches Verständnis unserer geschichtlichen Vergangenheit erkennen und begreifen. Wir müssen unsere Geschichtlichkeit, die wir ja alle haben, immer vor Augen haben, denn nur so erlangen wir eine Identität. Gerade diese Geschichtlichkeit in die wir eingebunden sind gehört zum notwendigen Wissen über die Wirklichkeit und Realität in der wir ja täglich Leben. Die geschichtlichen Fakten sind zwar oft ungewiss, bedürfen der Nachforschungen aber sie sind doch realistischer als unsere Einbildungskraft. So wird für den der sich mit Heimatgeschichte beschäftigt diese zu einem Fundus aus dem er sich nehmen kann was er fürs Leben benötigt: erlebte Erfahrung!
In den Worten Goethes ausgedrückt: „Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet...“
Heimat dass ist auch eine „innere Landschaft“.
Das Wissen von der Heimatgeschichte macht den Begriff Heimat zu etwas Ganzheitlichem, in der sich die Welt von Gestern in eine „innere Landschaft“ verwandelt. Und jene die Heimat haben kennen auch diese „inneren Bilder“. Es ist ein Reichtum an Gefühlen, Gedanken und Empfindungen die diese „Bilder“ in uns hervorrufen. Daher darf Heimat nie zur Nebensache werden, denn für jene die sich aufmachen müssen eine neue Heimat zu suchen, ist sie Hauptsache.
Heimat wird von vielen Menschen in ihren Tagträumen gesucht und diese Suche darf keine Vision bleiben. Daher muss es eine Solidarität geben zwischen dem Heimatbesitzenden und dem Heimatsuchenden.
Vergessen wir also jene nicht die hier schon lange angekommen sind, denen wir es aber schwer machen hier Wurzeln zu schlagen.
Heimat dass soll auch Hoffnung heißen – Hoffnung auf mehr Menschlichkeit. Ganz im Sinne des „Prinzips Hoffnung“ von Ernst Bloch, der am Schluss seines 1600 seitigen Hauptwerkes schrieb:

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worinnen noch niemand war: Heimat.“
hukwa




Lit. Hinweise:

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung.
H.D.Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern.
J.W.Goethe: Gespräche mit Eckermann.
Martin Heidegger: Sein und Zeit.
Heinrich von Riehl: Die Pfälzer, 1857.
Carl Zuckmayer: Gesammelte Werke.
Deutschlandfunk: Über die Schwierigkeiten ein Deutscher zu sein.
Rainer Schlundt: Sagen aus Rheinland - Pfalz

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