Freitag, 30. Januar 2015

Kindheit und Natur oder eine Kindheit ohne Terminkalender

Wenn ich am frühen Morgen aus dem Fenster schaue, sehe ich Kinder, die in die Schule und den Kindergarten laufen. Viele dieser Kinder werden schon morgens gegen 7.00 Uhr in der Schule oder im Kindergarten abgegeben. Die meisten erst gegen 16.30 am späten Nachmittag abgeholt. Es sind die Kinder einer turbokapitalistischen Leistungsgesellschaft. Eltern die für ihre Kinder keine Zeit mehr haben. Diese Kinder leben meiner Meinung nach eine Kindheit aus zweiter Hand. Was ist da noch viel vorhanden von Kindheit? Gewiss, Zeiten und Begriffe ändern sich, doch die Seele des Kindes, leidet unter solch einem Stress. Nur damit es einem materiell besser geht, muss man nicht die Seele seines Kindes verkaufen. Wer solches seinem Kind antut ist ein Seelenverkäufer!
Alexander Mitscherlich schrieb einmal: „Warum werden unsere städtischen Kinder nicht wie Kinder von Menschen behandelt, sondern wie Puppen oder Miniaturerwachsene, von infantilisierten Erwachsenen umgeben, deren städtische Vorerfahrungen sie dermaßen beschädigt haben, dass sie schon gar nicht mehr wissen, was der Mensch vom 6. bis zum 14. Lebensjahr für eine Umwelt braucht.“
Vor lauter Kindergarten, Schule und Kursen haben Kinder heute fast keine Freiräume mehr um sich seelisch zu entwickeln. Kindheit besteht heute vorwiegend aus Aufgaben und Pflichten. Und ist einmal ein Stückchen „Freiheit“ vorhanden, verbringen sie diese meist vor dem Fernseher oder in einer digitalen Traumwelt fern von jeglicher Authentizität.
Wie wichtig zum Beispiel Natur für Kinder ist, begreifen auch viele Eltern nicht mehr, weil diese selbst in einer geisttötenden Entfernung vom Naturbegriff leben.
Jeder Erwachsene, der in seiner Kindheit ein naturverbundenes Leben führen konnte, wird sich mit Wehmut daran zurückerinnern. In dem Wissen, dass Natur ihn geprägt hat und sein Naturbegriff ist bestimmt positiv.
Wegen des Wettbewerbs in unserer Ellenbogengesellschaft werden Kinder in die Ganztagsreservate von Schule und Kita gesteckt. Und all dies unter dem Deckmantel einer fürsorglichen und einzig richtigen Pädagogik. Setzen wir dieser nicht gerade kinderfreundlichen Pädagogik einige Zeilen aus dem Buch von Janusz Korczak entgegen, „Wie man ein Kind lieben soll“:

Das Kind, das du geboren hast, wiegt zehn Pfund. Davon sind acht Pfund Wasser und je eine Handvoll Kohlenstoff, Kalk, Stickstoff, Schwefel, Phosphor, Kalium und Eisen. Du hast acht Pfund Wasser und zwei Pfund Asche zur Welt gebracht. Und jeder Tropfen dieses deines Kindes war einmal Dunst einer Wolke, Ein Schneekristall, Nebel, Tau,ein Bach und das Abwasser eines städtischen Kanals.Jedes Atom Kohlenstoff oder Stickstoff war einmal Bestandteil von Millionen verschiedener Verbindungen. Du hast nur das alles zusammengefügt, was schon vorhanden war. Die Erde schwebend im unendlichen Raum. Ihr naher Gefährte, die Sonne, fünfzig Millionen Meilen entfernt. Der Durchmesser unserer kleinen Erde, das sind nur dreitausend Meilen feurig glühender Masse mit einer dünnen, in einer Mächtigkeit von zehn Meilen erstarrten Schale. Auf dieser dünnen, mit Feuer erfüllten Schale, inmitten von Ozeanen, eine Handvoll festes Land. Auf dem Land, zwischen Bäumen und Sträuchern, Insekten, Vögeln, Tieren wimmelt es von Menschen. Und unter den Millionen von Menschen hast du noch ein – ja was denn? - Hälmchen, ein Stäubchen zur Welt gebracht, ein Nichts. Aber dieses „Nichts“ ist ein leibhaftiger Bruder der Woge im Meer, des Sturmwindes, des Grases, der Eiche, der Palme – des Gelbschnabels im Vogelnest, des Löwenjungen, des Füllen und des kleinen Hundes. In ihm ist etwas, das empfindet, untersucht – duldet, begehrt, sich freut, liebt, vertraut, hasst, - glaubt, zweifelt, an sich zieht und abstößt. Dieses Stäubchen umfasst mit seinen Gedanken alles: Sterne und Ozeane, Berge und Abgründe. Und was ist dieser Inhalt der Seele anders als das All, nur ohne Dimensionen.“

hukwa

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