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Dienstag, 3. Februar 2015

Über das pfälzische Märchen

"Wenn in einer klaren Mondnacht die Wolken ziehen und abwechselnd Licht und Schatten auf das Land fällt, scheint die alte Riesenwelt der Sage neu entstanden."
So schrieb im Jahre 1857 August Becker in "Die Pfalz und die Pfälzer."

Wer das Reich des Märchens und der Sage betritt, hält Einkehr ins Land des Wunderbaren. Auf den ersten Blick scheint es, als begegne man einer Welt des traumhaften und der Unwirklichkeiten, doch ist jenes Reich des Märchens und der Sage nicht nur folkloristische Erzählung, sondern durch jahrhundertelange mündliche Überlieferung, auch unmittelbare Erfahrung der Menschen einer Region.
In alter Zeit versuchten die Menschen über die Märchen und Sagen ihre Umgebung zu deuten, sie zu benennen, ja sie zu erforschen und zu verstehen. Da das einfache Volk des Schreibens nicht kundig war, blieb ihm zur Aufbewahrung von Geschichte nur die mündliche Überlieferung. Durch psychologische, phantastische, historische und soziale Einflüsse entstanden im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden die Märchen und Sagen der Menschheit. Durch neue Ereignisse, durch Vermischung mit fremden Mythen kennen wir sie in ihrem jetzigen Gewand. 1893 bereits kannte man 344 Versionen des „Rotkäppchen“ Stoffes. Die Märchenforschung stellt seit jeher die Frage nach einer „Urform“ des Märchens, doch was man findet, sind letztendlich nur "Vorformen", die sich in unsere Zeit hinüber gerettet haben. Die Grundmuster des Volksmärchens sind auf der ganzen Welt so ziemlich die gleichen. Für die Gebrüder Grimm war das europäische Sagen- und Märchengut tief verankert im germanischen Glauben, sie sahen in ihm ein Zersetzungsprodukt der altgermanischen Mythen.
Im pfälzischen Märchen finden sich viele Einzelheiten die der keltischen Sagenwelt entnommen sind. So etwa der Bezug zu Bäumen und Höhlen oder das Schwert, der Hirtenstab und vieles mehr.
Die Pfalz ist sehr Burgenreich und etwa um das zehnte Jahrhundert begann die große Zeit der umherziehenden Sänger, Spielleute und Possenreißer. Im zwölften Jahrhundert hatte der Ritterroman seine Blütezeit, aus ihm wiederum flossen Teile in die bereits vorhandenen Märchen der verschiedenen Regionen. In den abgelegenen Burgen und Schlössern des Pfälzerwaldes waren fahrende Sänger und Märchenerzähler eine stets willkommene Abwechslung. Mit ihnen erhielt auch das pfälzische Märchen seine heutige Form. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass jedes Märchen einen wahren Geschichtskern enthält. Vor allem das pfälzische Märchen, in dem Sage und Märchen oftmals ineinander fließen. Das "Urmärchen" beruht also auf einer tatsächlichen Begebenheit und es wurden immer wieder neue Handlungen hineingedichtet.
Ohne in Gefahr zu laufen sich in äußerste Abstraktionen zu verirren, dürfte es auch als erwiesen gelten, dass viele Märchen ihren Ursprung in den frühen Ackerbauenden Gesellschaften haben, also bis ins Neolithikum reichen. Vor allem jene Überlieferungen bei denen es um weiße Frauen und Hexen geht.
Wohl werden mit jeder neuen Geschichtsepoche, ja mit jeder neuen Generation, dem jeweiligen Märchen neue Inhalte mitgegeben. Das Märchen, wie wir es heute kennen, ist nicht nur die Erzählung eines einzelnen Volksstammes, in Märchen und Sagen sammeln sich regelrecht Geschichten der Geschichte an.
Märchen und Sagen einer Landschaft sind Teil der Heimat und Volkskunde einer Landschaft. Sie sind die „Kinder“ dieser Landschaft. Heinrich Zimmer schrieb einmal: „…sei es in den großen Epen eines Homer oder Vyäsa oder in den entzückenden kleinen Geschichten der Volksmärchen. Sie sind die ewigen Orakel des Lebens. In jedem Zeitalter müssen sie neu befragt, neu um Rat gebeten werden“.

Die Märchen und Sagen einer Landschaft sind die Stimme dieser Landschaft. Sie berichten uns von Bergen, Steinen, Quellen, Burgen, Bäumen und Höhlen die sich in ihr befinden. Wenn wir uns heute nach Unterhaltung sehnen, genügt ein Mausklick um in irgendein Computer Spiel einzusteigen. Nichts gegen diese moderne Technologie, die zweifelsohne eine Errungenschaft ist wenn man mit ihr umgehen kann, sie gehört schließlich in diese Welt. Doch die Geschichte, also die Märchen und Sagen einer Landschaft gehören ebenso in unsere Welt. Das virtuose und nicht überschaubare Reich des Internets ist zweifelsohne die wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts und wir müssen unsere Kinder sorgfältig hineinführen, doch sie dürfen die Gaben die uns unsere lebendige Erde täglich schenkt darüber nicht vergessen. Dazu gehören die Märchen und Sagen der Landschaft in der wir leben. Diese gehören zu unserer Heimatgeschichte. Gerade durch das Märchen und die Sage, die an einen bestimmten Landstrich gebunden sind wird uns klar, dass Heimatkunde keine Einzelwissenschaft ist, denn sie berührt durch die Erfassung der Beziehungen des Menschen zu seinem Lebensraum fast alle Wissensgebiete. Und weil sie auf einen Wirklich-keitsausschnitt gerichtet ist zieht sie eine Fülle von Einzelwissenschaften an sich. Erwähnen braucht man nur die Geologie, die Biologie und die Sozialkunde. Die Heimatkunde ist vielleicht die letzte Wissenschaft in der ähnlich wie in der praktischen Philosophie noch das Ganze lebt. Es war gewiss kein pädagogisches Glanzstück als man vor vielen Jahren die Heimatkunde als Schulfach verabschiedete.

hukwa

Mittwoch, 26. Februar 2014

Nachdenken über Geschichte

Geschichte als Erfahrungswissenschaft
Sinnfindung in der Geschichte

Geschichte ist immer auch ein „Geschehen“. Wenn wir Nachforschungen über die Geschichte betreiben müssen wir diese konkret befragen. Geschichte existiert dort wo wir sie auch verstehen. Man könnte sagen Geschichte beginnt dann, wenn ein versteh barer innerlich fortlaufender Geschehensprozess und gleichzeitig das Bewusstsein vorliegt, dass man in einem solchen steht. Sinn konkreter Geschichtsforschung ist ein Nachdenken über Geschichte auf keinen Fall aber ein Ge – Denken von Geschichte. Nur über das Nachdenken der Geschichte und das konkrete befragen dieser wird sie zu einer Erfahrungswissenschaft. Nur über die Befragung wird sie zu einem Lernprozess als dessen Ziel wir die Freiheit des Einzelnen ahnen aber auch die demokratisierung der Gesellschaft vorantreiben.
Wenn wir über Geschichte nachdenken hat es den Anschein als werfe der ganze Prozess der Geschichte nur Fragen auf.
Der dreißigjährige Krieg war einer der grausamsten Kriege in Europa. Er endete mit dem Westfälischen Frieden, dem ersten Friedensabschluss der ganz durch die Diplomatie zustande kam und dadurch politisch ein neues Denken in die Welt setzte.
Seit dem 18. Jahrhundert existiert so etwas wie ein allgemeines Geschichtsbewusstsein. Das will heißen wir denken über Geschichte nach, versuchen sie als Erfahrung zu begreifen.
Dem dreißigjährigen Krieg folgten noch weitere grausamere Kriege.
Dennoch: Dass wir heute in einem friedlichen Europa leben müssen wir auf die Erfahrung der Geschichte zurückführen. Denn nur über die Geschichte können wir uns der Opfer dieser grausamen Kriege erinnern und darüber Nachdenken. 
hukwa